Donnerstag, 18. April 2019

Geld trennt die einen von den anderen

Wer wenig Geld hat und überlegen muss, ob er oder sie sich einen Café leisten kann, wird sich nicht "einfach so" mit einer Freundin oder einem Freund in einem Café verabreden, der nicht aufs Geld achten muss.
Wer wenig Geld zur Verfügung hat, wird sich nicht in einem Restaurant zum Essen verabreden, wovon er oder sie nicht weiß, was die Gerichte dort kosten. Denn wer mit wenig Geld auskommen muss, muss rechnen.
Wenig Geld im Alter zu haben ist etwas anderes, als wenig Geld zu haben solange man jung ist. Denn als junger Mensch hat man immer noch die Möglichkeit, Geld zu verdienen, solange man gesund ist und Kraft hat. Im Alter ist Dazuverdienen schwierig, und je älter man wird, umso mehr ist es unmöglich. Die Lebenshaltungskosten wie Miete, Essen und Teilnahme am kulturellen gesellschaftlichen Leben werden keineswegs geringer für alte Menschen, sondern steigen eher, da die Kosten für Hilfeleistungen dazu kommen, die wir im Alter brauchen.
Im Alter sind plötzlich die einen arm, die früher im selben finanziellen Bereich gelebt haben wie die anderen. Man hat mehr oder weniger dasselbe verdient, man gehörte zur selben sozialen Schicht und jetzt, wo wir alt sind, gibt es da diese Unterschiede, weil die einen sehr viel weniger Rente bekommen als die anderen. Eine Konsequenz von unterschiedlichen Lebenswegen, von Brüchen in Biografien, von Lebensentscheidungen, von Vorkommnissen, die irgendwann passiert sind. Früher haben wir nicht im Traum daran gedacht, dass wir im Alter arm sein könnten, niemand von uns. Private Altersvorsorge war in unserer Generation kein Thema.
Und jetzt diese Trennung als Folge von Geld.
Ich frage mich, wie wir Möglichkeiten schaffen können, dass wir wieder mehr zusammen sind, die einen mit wenig Geld und die anderen mit mehr Geld. Das ginge, wenn wir öffentliche Räume hätten, in denen nicht konsumiert werden muss, in denen wir zusammen sitzen und erzählen können, ohne Café oder sonst etwas trinken zu müssen.
Aber ist das wirklich die Lösung? Was ist mit den Gesprächen? Worüber reden wir? Wer Geld genug hat, um sich dieses oder jenes kaufen und leisten zu können, erzählt auch gern davon. Vor allem, wenn es sonst kaum noch etwas zu erzählen gibt außer über eigene Krankheiten und die der anderen, darüber wer gestorben ist und Neues über die Kinder und die Enkelkinder.

Mittwoch, 17. April 2019

Wer im Alter mehr Geld zur Verfügung hat, lebt länger.

Aus einem Artikel bei spiegel online vom 6.4.2018:

"Rauchen ist mit dafür verantwortlich, dass Bundesbürger mit geringer Bildung und wenig Einkommen viel kürzer leben als besser Gebildete und Wohlhabende. Laut einer neuen repräsentativen Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf rauchen 42 Prozent aller über 14-jährigen Deutschen, die keinen Schulabschluss haben. Von Bürgern mit Abitur greifen hingegen nur 20 Prozent zu Zigarette, Zigarre oder Pfeife. Die Folge ist laut den Forschern ein dramatisches soziales Gefälle bei Erkrankungen und der Lebenserwartung.

"Der Tabakkonsum ist soziökonomisch sehr ungleich verteilt: Je niedriger Schulabschluss und Einkommen sind, desto höher der Raucheranteil", sagt der Leiter der Studie, der Düsseldorfer Suchtforscher Daniel Kotz, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status hätten im Schnitt eine fünf bis zehn Jahre niedrigere Lebenserwartung - und 10 bis 20 weniger krankheitsfreie Jahre vor sich als Angehörige höherer sozioökonomischer Schichten."



Heute, am 17.4.2019 titelt spiegel online: 

Reiche Rentner leben länger - besonders im Westen

"Wohlhabende Rentner leben einer neuen Analyse zufolge im Mittel deutlich länger als Männer mit geringer Rente, im Schnitt sind es mehr als fünf Jahre, zeigt eine Analyse des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock.""In Ostdeutschland konnten viele Neu-Rentner nur noch wenige Rentenpunkte ansammeln, da sie langzeitarbeitslos oder insbesondere in den letzten Erwerbsjahren geringfügig beschäftigt waren", so die Autoren. Auch wenn sich die sozioökonomische Situation erst spät im Leben verschlechtere, könne dies erheblichen Einfluss auf die Lebenserwartung haben, schließen sie daraus.""Wer wenig verdiene, habe oft ungünstigere Lebensumstände, erklärte Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (Bips) dazu. "Niedriges Einkommen führt dazu, dass man in Regionen wohnt, die gesundheitlich benachteiligt sind, etwa durch Lärm oder Schmutz." Auch andere Faktoren wie ein niedrigerer Bildungsstand, ungesunde Arbeiten, ÜbergewichtRauchen und Alkohol hätten Auswirkungen. "Weil die Auswertung der DRV-Daten so kompliziert ist, sei die Lebenserwartung nach sozialen Kriterien bisher nur selten untersucht worden, erklärten die Studienmacher. Das bestätigte auch Zeeb: "Wir sind schlecht aufgestellt, was Daten zu Sozialstatus und Todesursachen angeht."


Montag, 4. März 2019

"Mutter du wohnst zu weit weg."

Dies ist der Titel einer Sendung, der Reihe 37 ° im ZDF.
Eine der drei Frauen, die gezeigt werden, fährt häufig 500 Kilometer, um die Mutter zu besuchen und  für sie Sachen zu erledigen, die die Mutter alleine nicht mehr hinbekommt.
Eine andere Tochter unterstützt ihre Mutter finanziell. Und die dritte nimmt wieder Kontakt zur alten und hilfebedürftigen Mutter auf, obwohl diese es ihr echt nicht leicht macht.
Hier gehts zum Film:

Mich hat der Film sehr bewegt. Er wurde aus der Perspektive der Töchter gedreht. Ich war natürlich mit den alten Müttern identifiziert, weil sie mir näher sind und ihre Situation mir automatisch vertrauter ist, obwohl ich selbst nicht in einer ähnlichen Situation, also weder krank noch arm bin.
Aber wer weiß, was noch alles kommt.
Die Töchter haben mich beeindruckt. Wahnsinn, was die leisten: Job und ihre Familien, Kinder und Männer, und dann noch das Kümmern um die Mutter. Und dann sind die Mütter manchmal störrisch und wollen nicht so wie die Tochter will.

In einer Szene erzählt die Tochter, dass sie sich Sorgen macht, weil ihre Mutter letztens, als sie bei ihr zu Besuch war, wieder nicht gewusst hat, wie die Kaffeemaschine zu bedienen ist.
Ich kenne die Situation. Auch ich habe schon hilflos vor der Kaffeemaschine im Haushalt meiner Kinder gestanden. Aber dass diese Hilflosigkeit im Zusammenhang mit einer Kaffemaschine für die Kinder Anlass ist, sich Sorgen um den mentalen Zustand der Mutter zu machen, das wusste ich nicht.





Freitag, 15. Februar 2019

"Alter ist eine Krankheit und kann behandelt werden."

Nir Barzilai heißt der Arzt, der in den USA ein Medikament testet, mit dem Alter behandelt werden soll. Darüber schreibt  Johann Grolle bei Spiegel Plus. Es war offensichtlich nicht schwierig, für diesen Test genügend Probanden zu finden:"Letztlich aber wollen sie alle nur das eine: mitmachen bei „TAME“. Das ist der Name einer medizinischen Studie, die schon deshalb als außergewöhnlich gilt, weil es solches Gedrängel unter möglichen Teilnehmern sonst nicht gibt: "Andere werben verzweifelt um Probanden, wir können uns vor ihnen kaum retten", sagt Barzilai."
Und weiter schreibt Grolle: "Barzilai will mit TAME Medizingeschichte schreiben. Spektakulär ist dabei nicht das Medikament, das er testen möchte. Im Gegenteil: Es handelt sich um eine im Prinzip schon seit Jahrhunderten bekannte Wirksubstanz. TAME unterscheidet sich von anderen Arzneimitteltests vielmehr durch die Indikation, die Barzilai behandeln will: das Alter."


Der Arzt hat viele alte Menschen untersucht, um herauszufinden, woran es liegt, dass sie besonders alt geworden sind. Ob sie besonders gesund gelebt haben, Sport getrieben und weder Alkohol getrunken noch geraucht haben. Aber nichts davon war der Fall, so dass Barzilai schlussfolgert, dass es nicht am Verhalten liegt, wenn ein Mensch besonders alt wird.Aber woran liegt es dann? Grolle schreibt: "Also, folgerte der Forscher, müssen es die Gene sein. Deshalb durchforstete Barzilai das Erbgut der betagten Probanden nach Veranlagungen für die großen Volkskrankheiten. Zählten seine Hundertjährigen vielleicht zu den wenigen Glücklichen, denen die Natur besonders wenige solcher Risikogene in die Wiege gelegt hat? Erneut lautete die Antwort: Nein. Barzilai fand bei ihnen all die berüchtigten Erbanlagen, die sonst mit Bluthochdruck, Krebs oder Alzheimer einhergehen – nur dass sie seinen Senioren offenbar nichts anzuhaben vermochten.
Für Barzilai gibt es daraus nur einen möglichen Schluss: "Diese Menschen haben nicht einen genetischen Schutz vor einzelnen Alterskrankheiten, sie sind vielmehr vor dem Alter selbst geschützt." Das Alter, meint der New Yorker Forscher, sei eine Krankheit – und zwar eine, die sich behandeln lässt. Eben das will er mit TAME beweisen."
 

Sonntag, 10. Februar 2019

Die andere Freundin, die viel jünger ist als ich.

Dass diese Freundin viel jünger ist, spielt meistens überhaupt keine Rolle. Wir kennen uns seit fast zwanzig Jahren und haben uns bei allen Lebensveränderungen begleitet, obwohl wir immer wieder auch in unterschiedlichen Ländern lebten. Dabei war es hilfreich, skypen zu können.
Seit ein paar Jahren leben wir nah beieinander. Wenn ich ins Autos steige, um sie zu besuchen, zeigt das Navi 44 Kilometer an. Das ist nichts im Vergleich zu den Jahren, in denen hunderte von Kilometern zwischen uns lagen. Aber ich wollte hier nicht von den geografischen Entfernungen zwischen meiner Freundin und mir sprechen, sondern vom Altersunterschied. Der ist groß. Ich könnte ihre Mutter sein. 
Die Freundschaftsenergie zwischen uns hat aber überhaupt nichts von Mutter und Tochter. Wir sind zwei Frauen, die sich mögen und schätzen und volles Vertrauen ineinander haben. Vor allem wissen wir um unsere Verschiedenheit, nicht nur was das Alter angeht und erleben es als bereichernd, anders als die andere zu sein. Ich bewundere meine Freundin dafür, wie sie ihr Leben hinkriegt und Herausforderungen annimmt und sich selbst treu bleibt. Ich respektiere sie in ihren Entscheidungen, auch dann, wenn ich anders entscheiden würde. Wir beraten uns, wenn die eine oder die andere etwas ändern will in ihrem Leben. Wir erzählen uns von Angelegenheiten, die uns geglückt sind und von denen, an denen wir gescheitert sind. Wir reden über andere Menschen, die wichtig für uns sind. Über Männer reden wir seit einigen Jahren wenig. Sie spielen derzeit keine große Rolle, weder in ihrem noch in meinem Leben. Das war früher anders. Vor allem in Zeiten, in denen ein neuer Mann in das eine oder andere Leben kam, oder wieder verschwand. 
Letztens aber kam unser Altersunterschied ins Spiel. Als nämlich meine Freundin anrief und erzählte, dass in ihrem Haus eine Wohnung frei wird und mich fragte, ob ich vielleicht Interesse hätte. Spontan und unmittelbar kam Freude in mir auf, denn mir gefällt das Haus, in dem meine Freundin wohnt, die Gegend gefällt mir auch, und in ihrer Nähe zu sein wäre auch toll. Ein Tapetenwechsel würde mir guttun, und so bin ich meinem schnellen Impuls gefolgt und habe nachgefragt: Wie groß ist die Wohnung? Was kostet sie? Wo liegt sie? Im wievielten Stock... ???? und da erst kam mir mein Alter ins Bewusstsein... und da brach meine schnelle positive Reaktion unmittelbar in sich zusammen... der zweite Stock... ohne Aufzug... das wäre Quatsch. 
Es war wie ein plötzliches Aufwachen aus einer Illusion, und ich hörte mich sagen, dass ich zu alt sei dafür, dass ich an meine Zukunft denken muss, dass ich nicht weiß, wie lange ich noch Treppen gehen kann, dass es mir jetzt schon schwer fällt wenn ich Einkäufe tragen muss, dass ich vernünftig sein möchte und andere Bedingungen brauche. Plötzlich war unser Altersunterschied riesig.  

Freitag, 8. Februar 2019

Bisher war es theoretisch.

Und jetzt wird das, wovon ich so oft gehört oder gelesen habe, wirklich.
Letztens traf ich mich mit einer alten Freundin. Innerhalb von einer Stunde hat sie Geschichten wiederholt, oder sie hat dieselbe Frage mehrmals gestellt ... mit derselben Energie, demselben Wortlaut, derselben Erwartung. Zunächst habe ich sie noch drauf hingewiesen, dass sie mir dasselbe eben schon erzählt hat. Aber als ich gesehen habe, wie sehr mein Hinweis sie verwirrt, habe ich bei der nächsten Wiederholung nichts gesagt. Aber ich wurde traurig und bedrückt. Später, auf dem Heimweg, allein im Auto, musste ich weinen.
Klar, Vergesslichkeit wird mit zunehmendem Alter mehr. Manchmal werden Geschichten öfter erzählt, und auch Fragen werden wiederholt. Was mich erstaunt: da gibt es offensichtlich einen Unterschied in der Art der Wiederholung, den ich so bisher noch nicht erlebt habe.
Wenn Wiederholungen haargenau gleich formuliert werden, sowohl was die Worte als auch was die Energie angeht, dann ist da offensichtlich etwas anderes am Werk als bloße Schusseligkeit oder Unaufmerksamkeit.
Schließlich ist ja Zeit vergangen zwischen der einen und der anderen Äußerung. Wir hatten ein Gespräch. Okay... ich habe weniger geredet als die Freundin. Beim Zuhören ihrer Wiederholungen hatte ich auch den Eindruck, als hätte gar kein Austausch stattgefunden. Es war wie ein Stempel, mit dem die Wiederholungen gesetzt wurden.