Mittwoch, 7. Oktober 2015

Flüchtlinge

Seit einiger Zeit kenne ich nun einige Menschen, die hier angekommen sind. Alle sind viele Kilometer zu Fuss durch mehrere Länder gegangen. Einige haben mir Fotos von sich und ihren Schuhen gezeigt... naja, Schuhe kann man das nicht mehr nennen, das waren zum Teil Konstruktionen aus Plastiktüten oder anderem Material. Ich habe mir die Routen, die sie genommen haben, auf einer Weltkarte zeigen lassen. Einer, ein junger Mann aus dem Iran, Radmehr A. , hat mir erzählt, das Schlimmste für ihn sei gewesen, als er in einem kleinen Schlauchboot mit Motor und fünf weiteren Menschen von der Türkei aus auf eine griechische Insel geschippert ist. Er kann nicht schwimmen. Die See war rau. Der Motor fiel aus. Er sagt, er habe viel gebetet.
Radmehr und zwei andere Menschen aus dem Iran, ein Ehepaar, sind geflohen, weil sie zum Christentum konvertiert sind und verfolgt wurden, und sie sagen, sie wären im Gefängnis gelandet, wenn sie nicht das Land verlassen hätten. Mosi, der Ehemann der Frau, deren Name auf deutsch Perle bedeutet, hatte einen Laden zur Reparatur von Mobiltelefonen. Die Polizei hat ihm den Laden zugemacht und drei Tage später auch sein Haus verplombt. Er hatte also innerhalb von vier Tagen keine Arbeit und kein Haus mehr. Nur weil er Christ geworden und oft in eine Kirche ging, die von der Polizei ausspioniert wurde.
Wenn ich den Geschichten der Menschen zuhöre, macht es mich immer stumm.
Gestern waren Most und seine Frau und ich zusammen Capuccino trinken, in einem Café in Erftstadt, und danach haben sie mich zu sich in die Baracke eingeladen. Dort habe ich dann die anderen kennen gelernt: eine Familie vom Balkan und junge Männer aus unterschiedlichen Ländern Afrikas. Heute werde ich wieder zum Baracken-Camp fahren und mit der Leiterin sprechen. Mal sehen, was sie dazu sagt, dass ich eine kleine Gruppe für Deutschunterricht zusätzlich zum schon angebotenen Unterricht anbieten möchte. Für diejenigen, die nicht mitkommen, weil sie später dazugekommen sind und ihnen der Anfang fehlt. Der Anfang, das sind für viele die lateinischen Buchstaben A a B b C c D d ...
Radmehr, Mosi und "Perle" sprechen Englisch. Alle drei haben ein Smartphone mit einer App, die ihnen das deutsche oder englische Wort liefert wenn sie eins in Farsi eingeben. Dieses Wort zeigen sie mir dann auf dem Display.

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