Freitag, 20. November 2015

Geahnt habe ich es immer schon.

Aber jetzt erst wird mir klar, was hinter meiner Ahnung steckt. Dass nämlich der Prozess des Älterwerdens in Phasen abläuft, die sich tatsächlich ziemlich voneinander unterscheiden.
Als ich anfing, mich öffentlich als alt zu bezeichnen und über das Älterwerden zu schreiben, war ich sechzig geworden.
Jetzt werde ich in einigen Monaten siebzig und ahne, dass die Altersphase, mit der ich das Alter begonnen habe, allmählich zu Ende geht. Und ich rede hier nicht nur über Zahlen, also über sechzig und siebzig und so. Ich rede über das, was offensichtlich mit diesen Zahlen einhergeht und was ich an mir wahrnehme und was ich auch bei meinen Freundinnen beobachte.
Siebzig scheint sowas zu sein wie das Ende und der Anfang einer neuen und anderen Altersphase. Ich ahne sie, aber ich könnte sie zum jetzigen Zeitpunkt weder benennen noch irgendwelche Details über sie sagen. Ich spüre nur, dass ich anders alt werde als bis jetzt. Und das heißt nicht, dass ich irgendetwas weniger gut kann als bis jetzt, oder dass ich kränker geworden bin oder weniger fit. Der Wandel spielt sich auf einer anderen Ebene ab. Im Moment würde ich sagen, er findet im Geist statt. Aber dies ist nur eine Vermutung.
Sie beruht allerdings auf der Selbstwahrnehmung, die mir zeigt, dass ich mich innendrin verändere. Irgendwie wächst in letzter Zeit meine Herzenskapazität. Ich bin nicht herzkrank. Jedenfalls hoffe ich es. Mit Herzenskapazität meine ich meine Liebesfähigkeit. Die nimmt gerade unverhältnismäßig stark zu. Und das ist keine romantische Angelegenheit, und es geht auch nicht um mich privat. Es ist wie wenn etwas in mir das Leben und alles, was es mit sich bringt, allmählich anders wahrnimmt. Es ist ein neuer Blickwinkel, aus dem ich ins Leben schaue, so jedenfalls würde ich es heute beschreiben. Diesen neuen Blickwinkel würde ich als liebevoll und wohlwollend bezeichnen. Und er ist ständig da, also ich muss mich nicht um ihn bemühen. Und er hat eine sehr interessante Wirkung auf mein persönliches Befinden. Ich bin nämlich oft, viel öfter als je zuvor, glücklich. Ohne zu wissen wieso.

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